2. Das Industrierevier Bitterfeld-Wolfen

Die Stadt Bitterfeld liegt im Zentrum eines durch die Städte Dessau, Wittenberg, Halle und Leipzig gebildeten schrägen Vierecks. Sie ist Verwaltungszentrum des gleichnamigen Landkreises, welcher sich nach der 1952er Verwaltungsreform von Torna im Süden bis Möst im Norden, von Werben im Westen bis Brösa im Osten erstreckte. Der Landkreis war 454,1 km² groß und hatte während der ersten Hälfte der 1950er Jahre nahezu 150.000 Einwohner. Das östliche Territorium des Kreises wird von dem Fluß Mulde durchquert.

Der Ursprung der im 19. und 20. Jahrhundert prosperierenden Industrie des Kreises Bitterfeld geht auf die im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschlossenen Braunkohlevorkommen um die Stadt Bitterfeld zurück. Ein durchschnittlich neun bis zwölf Meter starkes horizontales Flöz bitumarmer, knorpliger Braunkohle lagerte in der gesamten Umgebung der Stadt. Darüber hinaus erwies sich die Deckschicht des Flözes als stark tonhaltig, so daß regelrechte Ton- und Koalinlagerstätten erschlossen werden konnten. Auf dieser Grundlage entwickelten sich zunächst nach 1840 zahlreiche Gruben, in welchen die Braunkohle über Tage abgebaut wurde. Daneben entstanden Produktionsstätten für Briketts, welche sich um 1850 bei der Hausfeuerung gegenüber dem Brennstoff Holz durchsetzten, und Naßpreßkohlensteine, die bei der Feuerung in der Industrie eingesetzt wurden. Die Ziegel-, Kunststein- und Tonröhrenerzeugung bildete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - a. G. der vorhandenen Rohstoff- und Energiereserven - einen weiteren wichtigen Sektor der in und um Bitterfeld vorhandenen Industrie.

Die infrastrukturelle Erschließung der Region durch die Errichtung von Eisenbahnverbindungen nach Dessau, Halle, Leipzig und Berlin sowie der Bau von Kohlenbahnen zu den verschiedenen Braunkohlentagebauen, welche den Ursprung des ausgedehnten Bitterfelder Industriebahnnetzes darstellen, führte nach 1857 zur Verbesserung der Produktionsbedingungen und Absatzmöglichkeiten regionaler Erzeugnisse. Der nach 1871 expandierende Energie- und Baustoffmarkt des Deutschen Reiches trug sein übriges zu einer Steigerung der Produktion von Erzeugnissen für diese Marktsegmente in und um Bitterfeld bei.

Bereits 1855 wurde nahe Bitterfeld die erste Firma gegründet, in welcher man sich mit der Herstellung chemischer Produkte beschäftigte. In der sogenannten Photogenfabrik wurde Paraffin aus Teer gewonnen. In den 1870er und 1880er Jahren entstanden drei weitere Betriebe chemischer Produktion, die ihre Erzeugnisse auf der Basis von Braunkohleveredelungsprodukten (Teere, Öle) herstellten.

In den 1890er Jahren begann man sich in den großen Unternehmen der chemischen Industrie Berlins und Westdeutschlands für die ökonomischen und geographischen Vorteile der Bitterfelder Region zu interessieren. Im Gegensatz zu den chemischen Kleinbetrieben Bitterfelds, welche auf die Verarbeitung von Braunkohle oder deren Produkte fixiert waren, wurde die Region für die Manager der chemischen Großindustrie auf Grund ihrer industriestrategischen Vorteile attraktiv. Ihnen galt die ausreichend vorhandene Braunkohle weniger als Rohstoff, denn als billige Energiequelle, die durch das Vorhandensein eines sich ständig ergänzenden Reservoirs von Wasser aus der Mulde ergänzt wurde. Außerdem war Bitterfeld zentral gelegen und mit den wichtigen Zentren der Region wie Berlin, Leipzig und Halle durch Bahnlinien verbunden. Diese Faktoren und die unmittelbare Nachbarschaft der mitteldeutschen Kalilagerstätten waren die ausschlaggebenden Kriterien für die Wahl dieses Standorts zur Errichtung großtechnischer Anlagen für die Kali-Elektrolyse. Dies ist ein chemisches Verfahren zur Erzeugung von Metallen (Aluminium, Natrium) und Nichtmetallen (Chlor, Wasserstoff) unter Nutzung der Umwandlungseigenschaften von elektrischem Strom, welches während des ausgehenden 19. Jahrhunderts - auf dem Höhepunkt der dritten zyklischen Welle der Weltkonjunktur, die ihre Impulse vor allem aus den Entwicklungen im Bereich der Chemie- und Elektroindustrie erhielt - bis zur Einsatzreife in der industriellen Großproduktion entwickelt wurde.

Zwischen den Jahren 1893 und 1909 entstanden in rascher Folge vier Niederlassungen deutscher Großunternehmen der chemischen Industrie in der Bitterfelder Region.

Am 31. Oktober 1893 gab die Bitterfelder Polizeiverwaltung die Absicht der Elektrochemischen Werke, Gesellschaft m. b. H., zu Berlin bekannt, auf der Bitterfelder Gemarkung "eine chemische Fabrik mit elektrischem Betriebe zur Herstellung von:

Die Elektrochemischen Werke GmbH waren ein Tochterunternehmen der ebenfalls in Berlin ansässigen Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG). Die Arbeiten zur Errichtung des Bitterfelder Zweigwerks wurden unter maßgeblicher Mitwirkung von Dr. Walther Rathenau vorangetrieben. Im Frühjahr 1894 gab die Chemische Fabrik Elektron AG zu Frankfurt am Main ihre Absicht zur Errichtung eines Betriebes zur elektrochemischen Erzeugung von Chlorkalk, caustischen Alkalien und caustischem Natron auf Sandersdorfer und Zscherndorfer Gemarkung, d h. in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bitterfeld und der dortigen Fabrik der Elektrochemischen Werke GmbH, bekannt. 1898 vereinbarten die Mutterunternehmen dieser Firmen eine enge Zusammenarbeit auf den Ebenen Produktion und Betriebsführung. Diese Kooperation war ein Indiz für die fortschreitende Konzentration innerhalb des chemischen Segments der deutschen Industrie, welche die Verbesserung ihrer Effektivität und Konkurrenzfähigkeit insbesondere innerhalb des internationalen Wettbewerbs zum Ziel hatte. Erreicht werden sollte dies hauptsächlich durch die Aufteilung der Produktionspalette zwischen den kooperierenden Firmen. In Folge dieser Vereinbarung pachtete die Chemische Fabrik Elektron AG die Elektrolyseanlagen der Elektrochemischen Werke GmbH. Hiermit begann der allmähliche Ausstieg der AEG aus der Bitterfelder Chemieindustrie.

Im Jahre 1899 fusionierte die Chemische Fabrik Elektron AG mit der Chemischen Fabrik Griesheim - ihrer Muttergesellschaft - zur Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron AG. Am 1. Januar 1921 erwarb diese das gesamte Areal der Elektrochemischen Werke GmbH von der AEG. Daraufhin verlagerte die Griesheim-Elektron AG ihr Management und ihre Forschungsabteilung (1924) sowie verschiedene Produktionsbereiche aus anderen Standorten nach Bitterfeld. Diese Entwicklung wurde, neben den angeführten günstigen ökonomischen und infrastrukturellen Faktoren, durch den Aspekt der relativen Sicherheit der Bitterfelder Region vor Luftangriffen der Entente-Staaten - eine Erfahrung aus der Zeit des Ersten Weltkrieges - gefördert.

Auf den Gemarkungen der nördlich von Bitterfeld gelegenen Gemeinden Greppin und Wolfen errichtete die Berliner Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation (AGFA) im Jahre 1894 eine chemische Fabrik zur Herstellung von Salpetersäure, Nitrobenzol und Anilinfarben. 1909 wurde von der AGFA an dieser Stelle außerdem ein Werk für die Herstellung von Filmmaterial gegründet.

Neben den genannten Niederlassungen waren in dieser Zeit zwei Neugründungen chemischer Fabriken zu verzeichnen. Im Jahre 1899 wurde die Chemische Fabrik Neu-Staßfurt auf der Gemarkung Zscherndorf durch das Salzbergwerk Neu-Staßfurt errichtet. In dieser Fabrik sollten aus den in der Zeche geförderten Rohstoffen Chlor und Ätzkali gewonnen werden. 1903 wurde die Chemische Fabrik Herz zur Erzeugung von Chlorprodukten gegründet.

Die chemische Industrie prägte damit den ökonomischen und infrastrukturellen Charakter der Bitterfelder Region im 20. Jahrhundert. Die darüber hinausgehenden Ansiedlungen von Industriebetrieben waren auf Zulieferungs- bzw. Dienstleistungsproduktion für die Chemiefirmen ausgerichtet oder nutzten deren technologische Verfahren für nichtchemische Produktion.

Nach der Jahrhundertwende expandierten die jungen Unternehmungen des Chemiesektors rasch zu ansehnlicher Größe. Die entscheidenden Impulse für die dieser Expansion zugrundeliegenden Produktionssteigerung kamen von den Staatsaufträgen der deutschen Kriegswirtschaft während des Ersten Weltkriegs. So stieg beispielsweise die Zahl der Beschäftigten der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron AG im Zeitraum zwischen 1914 und 1918 von 1306 auf 5894 Mitarbeiter. Die sich in diesen Zahlen ausdrückende Produktionssteigerung wurde durch die Erhöhung der Elektroenergieerzeugung im Bitterfelder Raum ermöglicht. Eine zum Werk Süd der Chemischen Werke Griesheim-Elektron AG gehörende Kraftstation wurde zwischen 1914 und 1918 mehrfach erweitert. Bei Zschornewitz - ca. 15 km nordöstlich von Bitterfeld - wurde 1916 ein Großkraftwerk errichtet. Die Preußische Staatsbahn baute schließlich in Muldenstein bei Bitterfeld ein Kraftwerk zur Versorgung ihrer 1910 elektrifizierten Trasse zwischen Dessau und Bitterfeld. Diese hervorragende elektroenergetische Situation veranlaßte im Jahre 1916 das preußische Kriegsministerium der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron AG den Auftag zu erteilen, u. a. in Bitterfeld eine Fabrik zur elektrolytischen Erzeugung von Aluminium - die Elektrometallurgischen Werke - zu errichten, welche 1923 in das Eigentum der Gesellschaft übergingen.

Die Muttergesellschaften der großen Bitterfelder Chemiebetriebe fusionierten am 9. Dezember 1925 mit anderen Firmen des deutsche Chemiesektors zur Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG. Neben der Kartellierung der großen Unternehmungen der chemischen Industrie war auch im Bitterfelder Raum eine Verödung des mittelständischen Bereichs innerhalb dieses Industriesegments zu verzeichnen; durch Bankrott oder Kapitalverflechtung verloren die meisten dieser Firmen ihre Selbständigkeit. Die Betriebe der IG Farbenindustrie AG entwickelten sich in den darauffolgenden Jahren, insbesondere während der Zeit des III. Reichs, expansiv. Die Beschäftigtenzahl der Elektrochemischen Werke der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron AG stieg bis 1939 auf 7185 und bis 1945 noch einmal auf 16477 Mitarbeiter. Zwar wurde die Belegschaft während des Zweiten Weltkrieges erheblich durch Zwangsarbeiter und Dienstverpflichtete aufgebläht, jedoch kann diese Zahl als Indiz für die starke Erweiterung der Produktionskapazitäten in den Bitterfelder Elektrochemischen Werken gewertet werden. Die Wolfener AGFA-Werke erfuhren innerhalb der IG-Farbenindustrie AG eine vergleichbare Expansion ihrer Produktionskapazitäten und Beschäftigtenzahlen.

Den wichtigsten nichtchemischen Industriebetrieb der Bitterfelder Region stellte während der Zeit des III. Reichs die Mannesmann-Rohrleitungsbau AG dar. Diese Firma, 1917 als Handwerksbetrieb durch den Monteur Ernst Otto Dietrich gegründet, führte die Tradition der Tonröhrenproduktion der Bitterfelder Steinzeugfabriken mit verbessertem Material und Know-how fort. Durch notwendige Kapitalerhöhungen - Rohrleitungsbau wurde insbesondere in der Nähe von großen Chemiebetrieben und Elektrokraftwerken ein sehr lohnendes Geschäft - wurde in den 1920er Jahren der Mannesmann-Konzern Mehrheitseigner dieser Firma; der Firmengründer wurde 1930 endgültig aus dem Unternehmen verdrängt. Die damalige E. O. Dietrich Rohrleitungsbau AG expandierte in der Folgezeit in einem ähnlichen Maße wie die Bitterfelder Chemiefirmen; sie wurde Stammsitz eines umfangreichen Rohrleitungs- und Stahlbaukonzerns mit Zweigbetrieben in Leipzig, Düsseldorf und Teplitz (Teplice).

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Industrie und Infrastruktur der Bitterfelder Region hielten sich in Grenzen. Lediglich 14 % der bebauten Fläche der AGFA-Filmfabrik Wolfen war zerstört worden. Die Produktion in den rüstungswirtschaftlich belasteten Betrieben der IG-Farbenindustrie AG wurde zunächst von der am 21. April 1945 in Bitterfeld einmarschierten amerikanischen Besatzungsmacht untersagt, später in sehr eingeschränktem Umfang zugelassen. Die am 1. Juli 1945 die Verwaltung des Gebietes übernehmende Sowjetische Militäradministration war zwar um die Ankurbelung der stillstehenden Produktion in den Betrieben des Bitterfelder Raumes bemüht, damit durch Produktionsentnahmen Reparationsansprüche befriedigt werden konnten; sie stieß dabei aber auf vielfältige Schwierigkeiten. Neben dem allgemeinen Rohstoffmangel waren an den für die chemischen Prozesse notwendigen technischen Apparaturen erhebliche Defekte zu beheben, welche auf Grund der abrupten Produktionsunterbrechung auftraten. Außerdem war die für den vollständigen Betrieb der umfangreichen Produktionsstätten notwendige Anzahl von Fach- und Hilfsarbeitern nicht mehr verfügbar; die displacd persons hatten den ihnen aufgezwungenen Arbeitsplatz verständlicherweise verlassen. Einige Facharbeiter und Ingenieure waren den Amerikanern nach Westdeutschland gefolgt, um in den Mutterunternehmen von AGFA und Griesheim-Elektron ihre Arbeit fortzusetzen. Die Belegschaft der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld sank 1946 beispielsweise auf 7034 Mitarbeiter, damit wurde sogar der Beschäftigtenstand von 1939 unterschritten.

Gemäß dem Gesetz Nr. 9 des Alliierten Kontrollrats in Deutschland über die "Beschlagnahme und Kontrolle des Vermögens I.G. Farbenindustrie" vom 30. November 1945 wurden die Elektrochemischen Werke Bitterfeld und die Farbenfabrik Wolfen am 24. Juli 1946 in das Eigentum der Sowjetunion überführt und der Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Mineral-Düngemittel angegliedert. Von diesen beiden Unternehmen hingen im Raum Bitterfeld ca. 20.000 Arbeitsplätze ab. Reparationsleistungen wurden von diesen Unternehmen offenbar hauptsächlich durch Produktionsentnahmen erbracht, so gibt Peter Röllig für das Jahr 1947 einen Anteil von 19,5 % der industriellen Bruttoproduktion der SAG Mineral-Düngemittel als Reparationsleistungen an. Das Aluminiumwerk der Elektrochemischen Werke wurde 1945 restlos demontiert, außerdem sollen die Amerikaner mehrere Patente und wissenschaftliche Unterlagen "gestohlen" haben. Zu den Reparationsleistungen der Industrie im Bitterfelder Raum gibt es allerdings noch keine detaillierte Untersuchung, so daß die in den einschlägigen betriebsgeschichtlichen Arbeiten der DDR-Historiographie aufgeführten Angaben mit Vorbehalt rezipiert werden müssen.

Die Elektrochemischen Werke Bitterfeld und die Farbenfabrik Wolfen wurden im System der SAG in der SBZ/DDR mehrmals umgruppiert, bis sie am 1. Mai 1952 in das Volkseigentum der DDR überführt und als VEB Farbenfabrik Wolfen und VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld bezeichnet wurden. 1952 hatte das EKB 12558 und die Farbenfabrik Wolfen ca. 5.500 Beschäftigte.

Die Filmfabrik Wolfen wurde bereits am 1. August 1945 in sowjetisches Eigentum überführt. Hier wurden durch die sowjetischen Behörden einige Anlagen aus der Kraftstation, den Gießereien und dem Emulsionswerk demontiert. 1953 waren in der Filmfabrik Wolfen, die zu dieser Zeit noch eine SAG war, 12038 Arbeiter und 2287 Angestellte beschäftigt.

Die Mannesmann-Rohrleitungsbau AG wurde am 30. Oktober 1945 durch den Befehl 124 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland unter Sequestration gestellt. Im Dezember des selben Jahres wurde der Bitterfelder Rohrleitungsbau Treuhandbetrieb der Provinzialregierung Sachsen. Am 1. Oktober 1946 wurde dieser Betrieb enteignet und den Industriewerken Sachsen-Anhalt, Gruppe 5, Allgemeiner Maschinenbau eingegliedert. Im Februar 1947 wurde das Bitterfelder Stammwerk um den späteren Betriebsteil III in Muldenstein erweitert. Diese Firma war ursprünglich eine Papierfabrik gewesen, bevor sie während des Zweiten Weltkrieges den Junkers-Flugzeugmotorenwerken Dessau angegliedert wurde. Der Betrieb lag seit April 1945 still. Am 1. Juli 1948 wurde der nunmehrige VEB Rohrleitungsbau Bitterfeld der Vereinigung Volkseigener Betriebe Energie- und Kraftmaschinenbau (VVB EKM) angegliedert. Dem VEB EKM Rohrleitungsbau Bitterfeld wurde 1951 ein weiterer Betriebsteil, das spätere Werk II, zugeordnet. Dieser Betriebsteil war ursprünglich die Produktionsstätte der Chemischen Fabrik Neu-Staßfurt, welche 1945 vollständig demontiert wurde. 1947 bildete sich hier ein Rohrleitungsbaubetrieb heraus, der den Industriewerken Sachsen-Anhalt unterstellt war. Diese Firma fusionierte am 1. Juli 1951 mit dem VEB EKM Rohrleitungsbau in Bitterfeld. Die Belegschaft umfaßte in den drei Betriebsteilen zusammen 2439 Mitarbeiter.

Das EKB, die Farben- und die Filmfabrik Wolfen galten in den 1950er Jahren auf Grund ihrer Größe, ihrer Eigentumsform und ihres Produktionsspektrums als Schwerpunktbetriebe im Kreis Bitterfeld. Neben einer relativ gut funktionierenden Rohstoffversorgung verfügten ihre Mitarbeiter über eine vergleichsweise gute Entlohnung und wurden bei der Versorgung mit Nahrungs- und Genußmitteln sowie Gebrauchswaren besonders begünstigt. Die Beschäftigung in einem dieser Betriebe war demnach für den einzelnen Werktätigen relativ attraktiv.

Die monofile Industriestruktur des Kreises Bitterfeld mit den großen Chemiewerken an den Standorten Bitterfeld und Wolfen gaben dem Landkreis den Charakter eines industriellen Reviers der chemischen Industrie. Die Dominanz der Chemiebetriebe bestimmte den täglichen Lebensrhythmus in Bitterfeld, Wolfen und vielen Gemeinden innerhalb und außerhalb des Kreisgebietes.

Im Jahre 1953 existierten im Kreisgebiet insgesamt 19 VEB und staatlich verwaltete Betriebe, die der örtlichen Industrie zugerechnet wurden. Die wichtigsten Betriebe dieser Kategorie waren der VEB EKM Rohrleitungsbau und die Braunkohlenverwaltung Bitterfeld, welche mehrere Tagebaugruben, Brikettfabriken und das Kraftwerk Karl Liebknecht betrieb. Außerdem gab es zahlreiche halbstaatliche, genossenschaftliche und private Firmen des Produktions- und Dienstleistungssektors. In all diesen Betrieben arbeiteten insgesamt ca. 10.000 Menschen.

Das Gebiet des Kreises Bitterfeld wurde durch die Verwaltungsreform von 1952 erheblich beschnitten, diese Neugliederung ließ historische Beziehungen außer acht und wurde nach praktischen Gesichtspunkten durchgeführt. Das Amt des Landrats wurde durch den Rat des Kreises, einem kollektiven Leitungsgremium, ersetzt. Der Vorsitzende des Rates des Kreises war im Jahre 1953 der bereits als Landrat amtierende Kurt Spiller. Im Kreis gab es fünf Städte und 44 Gemeinden, wobei Wolfen zu dieser Zeit noch den Status einer Gemeinde hatte. Neben der sowjetischen Militärkommandantur - der Bitterfelder Militärkommandant war Oberst Makowejew - wurden die Sicherheitsorgane der DDR durch ein Volkspolizeikreisamt und eine Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit repräsentiert. Dem VPKA stand Volkspolizeikommandeur Josef Nossek vor; das MfS in Bitterfeld wurde von Major Scharsig geleitet. Die Deutsche Volkspolizei (DVP) unterhielt auf dem Gebiet des Kreises Bitterfeld neben dem VPKA zwei Reviere, 15 Einzel- bzw. Gruppenpunkte, 11 Meldestellen sowie fünf Betriebsschutzämter und mehrere Betriebsschutzposten. Weiterhin war in Wolfen eine Wacheinheit der DVP stationiert, die direkt dem Befehl der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei in Halle unterstand. Die Stationierung von Verbänden der Sowjetarmee oder der Kasernierten Volkspolizei (KVP) auf dem Territorium des Kreises Bitterfeld war nicht nachzuweisen.

Die DDR-Justiz wurde in Bitterfeld durch das Kreisgericht repräsentiert, neben welchem eine Untersuchungshaftanstalt unterhalten wurde. Außerdem befand sich am Rande von Bitterfeld ein Haftarbeitslager, dessen Insassen in der Produktion des Aluminiumwerks im EKB eingesetzt wurden.

Der 1. Sekretär der Kreisleitung der SED war Genosse Kipp. Die leitenden Funktionen der staatlichen Organe im Kreis wurden von Mitgliedern der SED bekleidet.

Im Juni 1953 war die Verwaltung auf Kreisebene nach der 1952er Verwaltungsreform noch in der Phase der Reorganisation begriffen. Die aus diesem Prozeß resultierenden Defizite in ihrer Effizienz können jedoch nicht gravierend gewesen sein, da man in Bitterfeld institutionell und personell an die Behörden der alten Kreisstruktur anknüpfen konnte.

Die Stadt Bitterfeld hatte im Jahre 1950 32.833 Einwohner, wovon ca. 14.000 Umsiedler waren. Der Bürgermeister der Stadt Bitterfeld war seit Anfang 1953 Wolfgang Stille.

Etwa fünf Kilometer nordwestlich von Bitterfeld erstreckt sich die Gemeinde Wolfen. Sie hatte während der ersten Hälfte der 1950er Jahre ca. 12.000 Einwohner.

Kapitel 3

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Inhalt

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ę Olaf Freier (1995)